#jesuissickofthisshit

Je suis…Paris, Brüssel, Nizza, Istanbul, Berlin. Trump wird US-Präsident. Erdogan, Putin, Assad. Ertrunkene Flüchtlinge. Etliche Blogartikel, News und Memes dazu, wie beschissen das Jahr 2016 war.

Ja, es stimmt. Die weltpolitische Lage spitzt sich zu. Doch Kriege gab es schon immer. Was wirklich anders ist: Unser Umgang mit dem Weltgeschehen. Der Informationsfluss und die Möglichkeiten und Freiheiten, sich intensiver damit zu beschäftigen, seinem Ärger Luft zu machen, seine Anteilnahme in einem großen Kollektiv kundzutun.

Wir sind solche Idealisten, träumen von Revolution und Veränderung, teilen auf Facebook & Co entsprechende Zitate, verbreiten Videos von Menschen, die aktiv etwas verändern und schenken ihnen einen Daumen nach oben.

Arme, kranke Welt. Wir haben ein solches Potential. Es mangelt nicht an einer gewaltig großen Anhängerschaft, die den sehnlichsten Wunsch nach einer friedlichen Welt hat. Sondern häufig an einem Arsch in der Hose (vor allem seitens der Politik) und der Bereitschaft, nachdem man weitergescrollt und den Fernseher ausgeschaltet hat, tatsächlich etwas zu tun. Natürlich, viele engagieren sich, spenden, unterstützen Petitionen oder sind sogar selbst vor Ort, um zu helfen. Und doch passiert nichts, das die notwendige gravierende Veränderung herbeiführt.

Terror und Flüchtlinge

Dann gibt es da noch die anderen. Die Wutbürger. Oder jene, die einfach Angst haben. „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.“ Wisst ihr was: Ja, es stimmt. Deutschland hat sehr viele Flüchtlinge aufgenommen. Doch wir platzen nicht aus allen Nähten. Ihr seid sauer auf Merkel? Verurteilt lieber den Rest der EU. Soviele Länder haben sich geweigert, Flüchtlinge bei sich aufzunehmen, mit den Konsequenzen müssen nun alle anderen leben. Dass jene Menschen stärker kontrolliert werden müssen, ist klar. Der bürokratische formelle Aufwand dahinter – zumindest momentan – nahezu fast nicht zu schaffen. Es ist definitiv nicht alles glatt gelaufen, doch ich bin der Meinung, der erste Grundgedanke ist richtig: Menschen, die um Hilfe bitten, ihnen diese zu gewähren. Und es macht mich mürbe, wütend und traurig, dass ich die Richtigkeit meiner moralischen Grundprinzipien, mit denen ich aufgewachsen bin und fast 30 Jahre lang gelebt habe, gezwungen bin zu überdenken. Beziehungsweise Kompromisse zu schließen mit meinem Sinn für Gerechtigkeit. In welchem Rahmen kann man sie gewährleisten, wie kann man es schaffen, all jene, die um Asyl bitten, in kurzer Zeit komplett zu überprüfen? Ein Thema, dass uns noch lange beschäftigen wird.  Alle rufen „Mehr Menschlichkeit“, doch viele geben sich der Bequemlichkeit hin, weiterhin die Augen zu verschließen, sich kopfschüttelnd die Nachrichten anzuhören und dann spätestens nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt wie aus allen Wolken fallend zu sagen „Oh Gott, wie schrecklich, jetzt ist der Terror in Deutschland angekommen!“

Leute. Der Terror „ist hier nicht gerade angekommen.“ Die Gefahr ist schon lange da. Nicht alle Drahtzieher sind gerade erst als Flüchtlinge getarnt zu uns gekommen. Die Saat haben auch wir gestreut. Und nein, ich rede nicht nur davon, dass wir, die USA und andere mit Waffenexporten in den Osten den dort stattfindenen Krieg vorangetrieben und weiterhin ermöglicht haben. Es begann bereits bei UNS. Wenn „Qualitätsjournalismusblätter“ wie BILD & Co. titeln „Deutsche Jugendliche planten Anschlag“ o.ä. – kam die Frage doch bereits auf den Tisch. Wer ist anfällig für Radikalisierung? Die, die wir ausstoßen. Die, die Anschluss suchen und – wenigstens irgendwo – dazugehören möchten. Erzählt ihnen, sie seien Teil von etwas Großem, Heiligem, indem sie die, die sie jahrelang verstoßen haben, eliminieren müssen UND es zu diesem Zwecke sogar „okay ist, wenn Unschuldige sterben“. Jugendliche und junge Erwachsene, die sich – aus welchen Gründen auch immer – nicht mehr mit der westlichen Welt identifizieren können und zusätzlich psychisch labil sind, sind für Extremisten perfekte Opfer. Versteht mich nicht falsch, ich entschuldige das auf gar keinen Fall. Anderen bewusst Leid zuzufügen, ist das Schlimmste, was man tun kann. Das kann durch nichts entschuldigt werden. Doch wir sind eben nicht ganz unschuldig daran.

Natürlich gibt es auch jene, die von grund auf einfach Arschlöcher sind. Die gar nicht erst radikalisiert werden müssen, sondern froh sind, dass sie ihre boshafte Perversion endlich ausleben können und nicht mehr verstecken brauchen – denn dank der Propaganda der Terroristen, die zum Töten auffordert, um dadurch „Gottes Plan zu erfüllen“, Teil von etwas Großem zu sein, wird diese Perversion plötzlich gesellschaftsfähig  – zwar für eine kranke Gesellschaft hirnverbrannter Arschlöcher…

….womit wir auch schon beim nächsten Tätertypus ankommen. Den Anstiftern. Diejenigen, die im Namen des Djihad Menschen abschlachten und Familien zerstören, vergewaltigen, plündern, labile Seelen für ihre Zwecke missbrauchen und sogar Kindern Waffen in die Hände drücken. Ihr Arschgeigen, „da oben“ warten keine 72 Jungfrauen auf euch. Eurem „Allah“, wenn es ihn denn gibt, kommt das Kotzen, wenn er euch sieht. Wenn ihr das Leben nicht zu schätzen wisst, ist das traurig. Wir haben keine Angst. Wir verabscheuen euch. Ihr seid nicht größer als wir. Oder wichtiger. Ihr erfüllt keinen großen Plan. „Vom Mond aus betrachtet, spielt ihr gar keine große Rolle.“

 Aleppo. Jemen.

Hierzu fällt mir nichts mehr ein. Unendliches Leid. Menschliches Komplettversagen auf ganzer Strecke. Ein Holocaust. Im 21. Jahrhundert.

Schlagzeilen

Mein Schlusswort richtet sich an die Medien. Eure Berichterstattung ist bisweilen erbärmlich. Setzen euch eure Chef-Redakteure so unter Druck? Habt ihr Angst, gefeuert zu werden, wenn die Auflage nicht stimmt? Oder dass es kein Weihnachtsgeld gibt? Ist euer Verleger ein Arschloch? Oder euer Redaktionsleiter? Oder ihr selbst? Sitzt ihr schon auf dem Weg zur Arbeit in der U-Bahn, im Auto oder in der Straßenbahn und kriegt einen Adrenalinkick, wenn der „Reporter vor Ort“ euch eine SMS schickt „Alter, hier ist gerade ein LKW in den Weihnachtsmarkt gerast!“ und denkt ihr euch dann „Wuah, mit der Story reißen uns die Leute die Ausgabe aus den Händen/ gehen die Klickzahlen in die Höhe!“ Oder ist da auch noch etwas anderes in euch? Das war kein „Todes-LKW“. Es war einfach ein LKW. „ANGST!“ (Titel zum Terroranschlag von Berlin). An der Realität vorbei. Erschüttert, wütend, verständnislos trifft es wohl besser – fragt doch mal die Berliner!?
Ihr nutzt den Fakt, wie leicht sich Menschen mit Sprache beeinflussen lassen. Da habt ihr gut im Rhetorik-Seminar aufgepasst. Emotionalisierungsstrategien erzeugen Nähe und Vertrauen. Und ANGST…oh mein Gott, Angst ist ein SO GUTER Garant, dass die Leute MEHR erfahren wollen! Und zwar von euch! Denn IHR sprecht für den kleinen Mann, IHR zeigt die Wahrheit auf, IHR sorgt dafür, dass das Stammhirn auf Hochtouren arbeitet. Immer schnell, am Puls der Zeit, immer die ersten vor Ort. Und das wiederum bedeutet: KLICKS! Euer heiliger Gral, die Gewissheit, dass der Chef euch zufrieden den Kopf tätschelt und die Gewissheit, dass ihr in diesem Haifischbecken auch weiterhin ein Weilchen überleben werdet. Ich hoffe nur für euch ihr habt keine kleinen Kinder zuhause, denen ihr diese Welt erklären müsst. Und dass ihr maßgeblich daran beteiligt seid, dass alle aus ihrer ANGST heraus hassen, verunsichert und überfordert sind.

Apropos Angst. Tanit Koch, Chef-Redakteurin der Bild, hat auf die Anschuldigung, mit den Schlagzeilen Angst zu schüren (Anm.: Es ging um die Berichterstattung am Mittwoch nach dem Attentat auf den Berliner Weihnachtsmarkt), folgendermaßen reagiert: „Die Angst herunterzuspielen und so zu tun, als würden viele Menschen ihr Verhalten nicht schon längst an die gestiegene Gefährdungslage anpassen, ist hingegen weltfremd.“ (Das komplette Interview findet ihr hier.) Sehr geehrte Frau Koch. Ein Gefühl wird nicht heruntergespielt, indem man es nicht in Schriftgröße 72 und mit Ausrufezeichen versehen auf Seite 1 einer Zeitung packt und so anprechende Begriffe wie „Blutbad“ darunterpackt. Sie stillen Sensationslust und das wissen Sie. Veralbern Sie Ihre Kollegen und die Leser nicht.

Im gleichen Atemzug danke ich denjenigen Medien, die echten Qualitätsjournalismus betreiben, aufklären und zu Besonnenheit aufrufen.

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Lasst 2017 den Anfang für etwas Besseres sein. Unsere Kinder werden dann schon wieder ein Jahr älter. Lasst sie eine Welt entdecken, die nicht komplett durchdreht.

 

 

Bild: pexels.com

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