Warum unsere Kinder KEINE Tyrannen werden

Auf die Gefahr hin, dass ich mich damit ganz tief in die Nesseln setze, möchte ich mich gern zu diesem Thema äußern.

Ich war, so wird mir nachgesagt, ein recht braves Kind. Wenn man mir sagte: „Lass das. Hör damit auf. Nein, das darf man nicht. Sag Bitte und Danke. Sag ordentlich Auf Wiedersehen“, habe ich das quasi im Grunde immer getan.

Es gibt eine Saurier-Art, nämlich den „Maia-Saurier“, dessen Name übersetzt soviel bedeutet wie „Gute-Mutter-Echse“. (Echt jetzt, ich habe das im „Was-ist-Was-Buch meines 3,5-jährigen Sohnes gelesen und anschließend gegoogelt….es stimmt! #achtungmeinedamenundherren #sielaseneinenkurzenauszugausderoberkreide). Der hieß so, weil er sich, nachdem seine Jungen schlüpften, um sie kümmerte. Und nicht den Raptoren überließ oder gar selbst fraß. So einfach war das damals. In der Oberkreide.

Okay, unsere Eltern haben da schon etwas mehr investiert. Stillen, Wickeln, Baden, schulische Ausbildung, Besuche im Freizeitpark…aber etwas war bei den meisten bis zu unserer Generation gleich: Wir wurden erzogen. Mal mehr mal weniger autoritär. Doch seit einiger Zeit gibt es ein Umdenken. Wieviel „Erziehung“ ist gut – und ist sie überhaupt gut? Was ist „Erziehung“ überhaupt?

Per Definitionem bedeutet Erziehung, „jemandes Geist und Charakter zu bilden und seine Entwicklung zu fördern. Im allgemeinen versteht man unter Erziehung soziales Handeln, welches bestimmte Lernprozesse bewusst und absichtlich herbeiführen und unterstützen will, um relativ dauerhafte Veränderungen des Verhaltens, die bestimmten Erziehungszielen entsprechen, zu erreichen.“

Soweit so gut. Klamüsert man diesen Satz mal auseinander, steht da im Grunde nichts anderes als: „Kinder müssen gebildet und gefördert werden. Bestimmte Verhaltensweisen des Kindes müssen verändert werden, um ein von Erwachsenes gewünschtes Verhalten zu erreichen.“ Also mit dem ersten Satz gehe ich voll mit. Mit dem zweiten tue ich mich ein bisschen schwer. Dieses Konzept ist mir einfach zu allgemein und nahezu mit militärischem Unterton gehalten. Klar will ich nicht, dass meine Kids beißen, hauen, die Bude auf den Kopf stellen oder mit Essen um sich werfen, einfach, weil ihnen gerade danach ist. Oder dass sie sich weigern, Hallo, Auf Wiedersehen, Bitte und Danke zu sagen, nur weil ihnen gerade NICHT danach ist.

Es gibt gewisse Grundregeln, an die wir uns halten müssen, um ein harmonisches soziales Miteinander zu gestalten. Aber mal ganz ehrlich: Kinder sind egoistisch, ja. Aber vor allem wollen sie eins: dazugehören! Sie WOLLEN so sein wie WIR. Statt einfach zu sagen: „Du musst immer Guten Tag, Auf Wiedersehen, Bitte, Danke….sagen“. Sollten wir das auch selbst sagen! Und zwar auch zu unseren Kids! Statt „Stell das wieder zurück!“, wäre doch auch ein nettes „Stell das bitte wieder zurück“ kein Beinbruch. Und nein, ich rede hier nicht davon, seine Kiddies in rosa Watte zu packen, ihnen alles zu erlauben und immer und ständig auf ihre Bedürfnisse einzugehen und dafür die eigenen auszublenden. Natürlich ist Konsequenz wichtig. Aber wie so oft; der Ton spielt die Musik. Und natürlich können und dürfen Mama und Papa auch mal die Geduld verlieren (Wir sind schließlich auch nur Menschen..!) ABER: Wenn es mal vorkommt, dass ich brülle, entschuldige ich mich hinterher. Und zwar immer. Spätestens abends, wenn ich den kleinen Keimling ins Bett bringe. Ich finde nämlich, auch sich zu entschuldigen, kann man (kind) lernen. Und gleichzeitig lernt es, dass auch andere Bedürfnisse und Schwächen haben – was beides vollkommen okay ist.

Vorleben ist also der eigentliche erste richtige Schritt in die richtige Richtung. Wir geben unseren Kids die Basics quasi ganz selbstverständlich mit auf den Weg ohne das ständige „Du musst“ oder „man…..tut/tut nicht…“ Ist nämlich auch nicht wirklich motivierend. (Auch so was…..was oder wen versteht ein Kleinkind unter „man“….?!! Verständlicher ist doch da „ich, du, wir“ und die Erklärung welche Konsequenz das verhalten des Kindes auf „mich, dich, uns“ hat.)

Michael Winterhoff, Autor des Buches „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“, hat mit seinem Titel einen Nerv unserer Zeit getroffen. „Außer rand und Band“ sind unsere Kinder, haben vor niemandem Respekt, können sich nicht benehmen und ihnen wird kein Einhalt mehr geboten.

Ich mach´s kurz. Ich halte davon nicht all zu viel. Ich empfinde das nicht als Generationsproblem – vor allem deshalb, weil wohl JEDE Generation der Meinung ist, dass in der nachfolgenden vieles anders läuft. Das ist in meinen Augen der natürliche Lauf der Dinge und nicht prinzipiell schlecht. Ich möchte euch einen kurzen Auszug aus einem Interview zwischen der Süddeutschen Zeitung und Wolfgang Bergmann vorstellen (an dieser Stelle „Danke, liebe Wiebke für den Tipp ;)), der es, wie ich finde, auf den Punkt bringt:

SZ: Was ist dann der Grund für das breite Interesse an neuen, diesmal autoritären Erziehungsmodellen? Bergmann: Der Punkt ist: Wir haben veränderte Familien. Früher gab es die Verwandten und die Nachbarn – einerseits bedeutete das einen Verlust individueller Freiheit, aber in Konfliktsituationen half dieser Verbund einem durchaus. Heute sind Kleinfamilien weitgehend isoliert. Und in unserer hochindividualisierten Gesellschaft leben Menschen, die miteinander zusammen sind, weil sie in ihrem Partner ihre Bedürfnisse erfüllt sehen. Sollte dies nicht mehr geschehen, so gibt es für viele Menschen keinen Grund mehr, mit dem Partner zusammenzubleiben. So eine Verfassung der Ehe hatten wir noch nie. Das ist ungeheuer fragil und anfällig. Gleichzeitig haben diese Menschen – wie alle anderen – eine Sehnsucht nach Treue, Bindung und Verlässlichkeit. (…) Aus dieser Sehnsucht heraus rückt auch das Kind ins Zentrum der Familie.

SZ: Das Kind als Projektionsfläche für Treue, Bindung und Verlässlichkeit? Bergmann: Ja. Das Kind soll nach außen zeigen: Diese Familie ist eine ganz tolle Familie. Beim Restaurantbesuch etwa kümmern sich Eltern dann nur noch um ihr Kind im Hochstuhl, sehen sich aber den ganzen Abend kein einziges Mal an. Eigentlich aber sollte sich das Kind in der Beziehung zweier sich liebender Menschen spiegeln. Das jedoch geht oft verloren.“

Ja, das klingt hart und wenig romantisch. Aber meiner Meinung nach ist da viel Wahres dran. Das heißt natürlich nicht, dass wir alle in fragilen Partnerschaften stecken und aus diesem Grunde unsere Kinder in den Mittelpunkt rücken und damit auch ihr „richtiges“ Verhalten. Vielmehr geht es darum, dass wir Erwartungen an Kinder haben, die sie unmöglich erfüllen können – und heutzutage (zum Glück) auch nicht mehr müssen.

Unser Sohn muss seine Oma nicht auf den Mund küssen, wenn er das mal nicht will. Wir haben ihn mit neun Monaten auch nicht alle zwei Stunden auf den Topf gesetzt. Wir zwingen ihn nicht, sein Essen aufzuessen oder bei Familientreffen ruhig mit einem Buch in der Hand brav auf der Couch zu sitzen. Ohne früheren Generationen damit zu nahe treten zu wollen, aber in meinen Augen scheint sich der „Stellenwert“ des Kindes innerhalb der Familie verändert zu haben. Vom zu gehorchenden, braven (geliebten!) „untergeordneten“ Familienmitglied mit sehr strikt (und nicht immer sinnvoll) festgelegten Grenzen, dessen Erziehung mit Begründungen wie „Weil MAN das so/nicht macht..“ vonstatten ging zu…..naja….Kindern, die bereits früh viel mitbestimmen dürfen.

Und ganz ehrlich. Ein Kind, das früh lernt, dass es ein (Mitbe)Stimm(ungs)recht hat. Das auch mal laut sein darf. Das selbst bestimmen darf, ob,wann und wem es körperlich nahekommt und dessen große Vorbilder (Wir! Mama und Papa! „Bitte, Danke, Hallo, Auf Wiedersehen, Entschuldigung, Gerngeschehen“) sagen – das wird kein Tyrann. Kein Soziopath. Es wird das, was es bereits im Kern ist – gut. Und vor allem: Immer gut genug.

 

 

4 Gedanken zu „Warum unsere Kinder KEINE Tyrannen werden

  1. Bin das erste mal auf deinem Blog und sehr begeistert von deinem Text. Das trifft es auf den Punkt und beschäftigt uns auch gerade. Wir haben immer das Gefühl, dass man uns als Baby hat schreien lassen und wir wirklich gesagt bekommen haben, das macht man halt nicht, aber warum, joa.. Ich hab neulich auch irgendwo gelesen, dass man ihnen nicht sagen soll, was sie nicht machen sollen sondern positiv sagen, was sie machen sollen, also „lass den Teller bitte stehen“ und nicht „wirf ihn nicht runter“. Hat mir sehr gut gefallen dein Text

    1. Danke, liebe Simone. Für mich war eigentlich immer klar, dass ich meine Kinder „erziehe“. Mit dem Älterwerden der Kids und den ständigen Ratschlägen von anderen begann ich mehr auf meinen Instinkt zu vertrauen und – wegzuhören 🙂 Wir erziehen auch, nur eben anders als wir selbst erzogen wurden bzw hinterfragen wir gewissen Methoden und wenden wiederum andere gar nicht erst an.

      Liebe Grüße!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.