Hallo Baby. Danke, dass du (noch) da bist.

Bei Situationen, in denen es einem den Boden unter den Füßen wegzieht, gibt es zwei Arten von Menschen.

Diejenigen, die ihren Gefühlen impulsiv freien Lauf lassen. Und die jenigen, die in Schockstarre verfallen und in scheinbar stoischer, beinahe apathischer Ruhe versuchen, die Kontrolle zu wahren.

Ich war auf den Tag genau zwölf Wochen schwanger, als es eines Abends während der Geburtstagsfeier meiner Schwägerin passierte. Mein Mann und ich hatten es bereits vier Wochen zuvor an Weihnachten unserer Familie verkündet, dass unser Sohn im Sommer großer Bruder werden würde. Wir waren aufgeregt, glücklich.

Es war ein Tag Ende Januar vor zwei Jahren. Meine Schwägerin, ihre Freundin und ich saßen auf der Couch; ich mit alkoholfreiem Getränk. Als ich es plötzlich spürte. Warm und feucht. In mir breitete sich schlagartig ein unglaubliches Angstgefühl aus. In meinem Kopf surrte es. Neinneinneinneinneinnein. Ich entschuldigte mich kurz und verschwand im Bad, wo sich meine Befürchtung unbarmherzig bestätigte. Im Kopf ging ich in Millisekundenschnelle die Fakten durch. Braunes Blut ist okay, wenig Blut ist okay. Doch das hier war das genaue Gegenteil. Ich glaube, ab diesem Moment befand ich mich nahezu außerhalb meines Körpers und sah meinen folgenden Handlungen nur noch zu.

Ich rufe nach meiner Schwägerin, erkläre ihr in ruhigem Tonfall die Sachlage („Bloß nicht hysterisch werden, wenn ich mich aufrege, ist das nicht gut für das Baby“) und bat sie, mich ins Krankenhaus zu fahren. Sie tat es. Während der Fahrt fiel mir nichts Dämlicheres ein, als mich dafür zu entschuldigen, dass ich ihren Sitz einsaue. Sie versicherte mir, dass alles okay wäre. Dass wir gleich da sind. Während der ganzen Zeit spürte ich, dass die Blutungen nicht aufhörten. Ich erzählte ihr, dass ich drei Jahre zuvor zwei Fehlgeburten hatte. Bis auf meinen Mann und eine enge Freundin wusste das bis dato niemand. Sie staunte und ich wusste nicht, weshalb ich ihr das jetzt erzählte. Da saß ich nachts in diesem Auto auf dem Weg in die Notaufnahme, wissend, dass ich in eben diesem Moment mein Baby verliere. Mein süßes, kleines Baby. Ich wollte es nicht zu den Sternen schicken. Nicht dieses Baby. Die anderen beiden Male waren so lange her und ich hatte danach einen gesunden, starken Jungen zur Welt gebracht, den ich abgöttisch liebte und dem ich ein Geschwisterchen schenken, unsere Familie komplett machen wollte. Alles davor war furchtbar gewesen, aber Vergangenheit. Beide Male früh, noch vor der zwölften Woche. Doch dieses Kind, über dessen Herzschlag ich mir nur Minuten zuvor noch so sicher war, DURFTE jetzt nicht gehen. Mein Kopf begann wieder zu summen, als wir die Notaufnahme erreichten. In dem beißenden Neonlicht vor der Anmeldung standen mehrere Menschen, das Wartezimmer war voll. Meine Beine zitterten, meine Arme, einfach alles. Die Dame am Empfang fragte routiniert und in neutralem Tonfall nach meinem Namen und weshalb ich hier sei. Ich erklärte es ihr knapp und wurde gebeten, in Gang X vor Arztzimmer Y kurz Platz zu nehmen, ich würde gleich drankommen. Meine Schwägerin begleitete mich die ganze Zeit und sprach mir Mut zu.

Dann war es soweit. Die Tür zum Arztzimmer öffnete sich, ich erfasste mit einem Blick die klinischen Gerätschaften. Sauber, weiß, steril. Kalt. Ich fühlte mich wie ein Schaf auf dem Weg zur Schlachtbank. Die Tür schloss sich hinter mir, im Raum befanden sich ein junger Arzt und eine Kollegin von ihm. Er war der Inbegriff eines Oma-Lieblings. Ein höfliches Lächeln im Gesicht, das Stethoskop um den Hals und einen aufmunternden Satz auf den Lippen „Na, schauen wir mal, was wir da haben. Wir machen erst einmal einen Ultraschall und dann wissen wir mehr. Blutungen sind ja prinzipiell nicht immer gleich ein schlechtes Zeichen.“ Seine Kollegin blieb noch eine Weile bei uns. Als ich auf der Liege Platz nahm, warf sie mir einen mitleidigen Blick zu und sagte das, was das Gerüst, was ich mir in Form stoischer Ruhe aufgebaut hatte, zum Wanken brachte und meinem Herz einen Knoten verpasste: „Ich habe das Blut gesehen…Sie möchten sehr gerne schwanger sein, oder? Ich wünsche Ihnen trotzdem alles Gute.“ Dann verließ sie den Raum.

Wie bitte? Ja! Ja, verdammt, ich WILL gerne SCHWANGER sein! Ich will hier nicht vor aller Augen mein Kind ausbluten, du blöde Kuh! Ich bin sauer, wütend und traurig, dass meine Dämme im Begriff sind zu brechen, doch etwas hält mich kurz zurück. Denn plötzlich spüre ich, wie ich Wehen bekomme. Ich spüre und sehe, wie mein Bauch ganz hart wird, wie sich meine Bauchdecke, die noch keine erkennbare Babykugel vorzuweisen hat, seltsam verformt und zusammenzieht. In diesem Moment ist es dann doch soweit und ich verliere die Nerven. Ich beginne zu weinen. Mein letzter Funken Hoffnung, den ich mir eingebildet hatte, haben zu dürfen, verabschiedete sich. Denn die Wahrheit war: Diese Schwangerschaft verlief von Anfang an problematisch und mit immer wiederkehrenden leichten Blutungen, die sich nach jedem Ultraschall als harmlos herausstellten.

Während ich so dalag und gleichzeitig in dieser surrealen Situation („Das darf doch einfach alles nicht wahr sein! Das ist nur ein böser Traum..bittebitte, mach, das es ein Traum ist…Baby, bleib bei mir), platzierte der Arzt das Ultraschallgerät. Und ich kam zurück! Mein Baby bewegte sich! Wo beim letzten Ultraschall nur ein pulsierender Punkt zu sehen war, zappelte nun ein kleines Gummibärchen! Mein Baby lebt!
Zu beschreiben, was ich in dem Moment fühlte, ist nahezu unmöglich. Abertausende Wackersteine fielen mir vom Herzen. Die Kuh-Ärztin war leider weg, in dem Moment hätte ich ihr zu gerne einen triumphierenden Blick zugeworfen. Der Arzt diagnostizierte dann endlich die Ursache für die Blutung. Nur wenige Centimeter neben meinem Baby befand sich ein Hämatom. Etwas größer als mein Baby zu diesem Zeitpunkt selbst. Das Hämatom war anscheinend geplatzt, die Überlebenschance betrüge für mein Baby 50:50. „Ihr Kind muss noch etwas wachsen. Solange es noch kleiner ist als der Bluterguss und dieser erneut platzt, kann es passieren, dass das Kind mit abgeht.“ So formulierte er es. „Wir werden Sie ein paar Tage im Krankenhaus zur weiteren Beobachtung behalten. Darüber hinaus empfehle ich Ihnen ein Beschäftigungsverbot.“ Ich nickte nur, hörte nur mit halbem Ohr zu, starrte unentwegt auf den Bildschirm. Checkte die Fakten. Mein Baby lebt. Daneben befindet sich ein großes Hämatom. Daher die Blutungen. Wie unter Wasser vernahm ich weiterhin die Stimme des Arztes. Irgendetwas mit Magnesium und Utrogest, dreimal täglich. Okay. Okay. Okay. Ja, alles, ich mache alles.

babyTatsächlich begleitete uns, unser kleines Mädchen und mich, das Hämatom bis zu ihrer Geburt und wuchs auch stetig mit. Doch es war natürlich irgendwann kein Feind mehr. Es war nur noch da, ein unliebsames Überbleibsel, ein blinder Passagier, und erinnerte mich bei jedem neuen Ultraschall daran, wieviel Glück wir gehabt haben. Im Juli desselben Jahres kehrte ich in das Krankenhaus zurück. Wieder mit Wehen. Doch dieses Mal nicht von Angst begleitet, sondern mit der Gewissheit, mein Mädchen endlich kennenlernen zu dürfen. Draußen tobte ein Unwetter. Es stürmte und regnete in Strömen. Mein Mann und ich waren die einzigen auf der Geburtenstation. Es war ruhig, beinahe gespenstisch – für mich eine magische Nacht. Wenige Stunden später halte ich meine Tochter im Arm und blicke in die dunkelblausten Augen, die ich je gesehen habe.

Hallo Baby. Danke, dass du endlich DA bist.

 

10 Gedanken zu „Hallo Baby. Danke, dass du (noch) da bist.

  1. Du schreibst so gut Liebes, ich war so gefesselt und bin so froh, obwohl ich ja weiß, dass die kleine Maus da ist, dass alles gut gegangen ist <3
    Ich drück dich ganz fest

  2. Oh mein Gott. Gänsehaut pur! Ich wusste gar nicht, dass es sowas gibt. Also ein Hämatom während der Schwangerschaft! Zum Glück ist alles gut gegangen und du hast dein 2.großes Glück bekommen.

    1. Ich wusste das auch nicht…und bis dato wurde es auch bei keinem Ultraschall bemerkt…und das, obwohl es ja anscheinend recht groß war…
      Liebste Grüße nach Kiel :*

  3. Oh, wow, danke für diesen bewegenden Artikel! Gut zu wissen, dass etwas so Erschreckendes doch noch glücklich im Kreißsaal mit gesundem Baby im Arm enden kann! Alles Liebe für Dich und Deine Süßen

    1. Liebe Heidi,
      ja, viele Ärzte gehen leider sehr unsensibel mit der Thematik um und darüber hinaus nehmen sie oft bereits Hoffnung, wo die Eltern ja diese noch haben sollten/dürften. Und so ein Hämatom ist wohl gar nicht so selten, dabei wurde es bei mir nicht einmal in Erwägung gezogen.

      Vielen Dank und liebe Grüße!
      Julia

  4. Hallo Julia,

    Ich bin ganz durch Zufall auf deinen Blog und deinen Post gestoßen (bei Facebook bekommt man ja allerlei angezeigt, was Freunde geliked haben etc) und habe mit großem Interesse und Mitgefühl deinen Beitrag gelesen. So bewegende Worte – und ich habe auch bis zum Ende mitgefiebert, kenne ich eure Familie ja nicht und konnte mir bis zum Schluss nicht sicher sein, dass eure Tochter es geschafft hat. Welch Erleichterung. Herzlichen Glückwunsch zum gesunden Kind und alles Liebe für euch.

    Liebe Grüße
    Nika von Little Tiger

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